Ein kurzer Nachtrag zum Thema Eva Herman, das dieser Tage die deutsche Öffentlichkeit erregt, wie ich während meines Berlin-Aufenthalts feststellen durfte.
Hajo Schumacher schrieb in der Welt am Sonntag:
Eva Hermans geschreddertes Denken
Der Auftritt der ehemaligen Moderatorin bei Johannes B. Kerner zeigt: Im Kampf um Aufmerksamkeit bedienen hektische Öffentlichkeitsarbeiter ein zerstreutes Publikum mit Banalitäten und schaffen so einen Skandal, der eigentlich keiner ist
Eine Studie aus der digitalisierten Arbeitswelt bringt womöglich etwas Licht in die bizarre Mechanik, die den Fall der Medienfrau Eva Herman so brisant und unheimlich macht. Unter Leitung der Computer-Soziologin Gloria Mark untersuchte ein Team der Universität of California in Irvine den Alltag von 24 Angestellten. Die Probanden stammten aus allen Hierarchie-Ebenen eines Technologieunternehmens und wurden den ganzen Tag lang minutiös beobachtet.
Das Ergebnis dürfte jedem digital vernetzten Menschen bekannt vorkommen. Etwa elf Minuten beschäftigten sich die Mitarbeiter mit einer Aufgabe, bevor sie abgelenkt wurden durch eine Mail, einen Anruf, eine Instant Message oder durch einen Kollegen. Erst nach 25 Minuten waren sie zur eigentlichen Aufgabe zurückgekehrt, brauchten aber acht Minuten, um sich wieder hineinzudenken. Folglich kam schon drei Minuten später die nächste Störung. Oft schafften es die Probanden gar nicht zurück zu ihrer Aufgabe. Im Schnitt behandelte jeder zwölf Themen gleichzeitig. Job und Privates gingen durcheinander. Konzentration unmöglich. Alles hüpfte immer schneller.
Die Studie aus dem Jahre 2005 lässt mehrere Schlüsse zu: Erstens ist anzunehmen, dass sich das Tempo seither noch erhöht hat. Zweitens spricht nichts dagegen, die Beobachtungen aus einer US-Firma nicht nur auf das europäische Arbeitsleben, sondern auf alle Bereiche moderner digitaler Kommunikation zu übertragen. Hier hüpft auch alles immer schneller.
Wer abends vor dem Fernseher sitzt, in einer Hand die Fernbedienung, in der anderen den Blackberry, den Computer in Reichweite, für den bedeuten elf Minuten Konzentration eine Ewigkeit. Und am anderen Ende des Kommunikationskanals hüpft es genauso. Überall regieren Schnipsel. Ein Gewirr digitaler Wege und Botschaften fragmentieren unser aller Wahrnehmung. Mehr mediale Optionen führen nicht zwangsläufig zu mehr Durchblick, sondern zu wachsender Ungeduld und härterem Wettbewerb. Im Kampf um Aufmerksamkeit konkurrieren Talkshows wie Kerner mit SMS, Mail, DVD, Skype und dem großen Rest-TV. So treiben sich Öffentlichkeitsanbieter und Kunden gegenseitig zu einem Tremolo gefühlter Höhepunkte. Botschaften müssen schnell und simpel sein, die Rollen der Akteure eindeutig: Nazi oder Entschuldigung. Eine denkbar glatte Oberfläche für vielschichtige Debatten über die deutsche Vergangenheit.
Das Phänomen der fragmentierten Aufmerksamkeit bringt bisweilen fragmentierte Gedanken hervor, so wie jene, die Eva Herman unlängst in Worte kleidete: „Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem, äh, Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, äh, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft.“
Wer zügig durch die TV-Kanäle zappt und das dabei flüchtig Gehörte addiert, erhält den gleichen O-Ton – geschreddertes Denken, maximal fragmentiert in Schlagworthülsen. Doch weil Eva Herman dickköpfig ist, hallt es auch aus der Tiefe des Schredders noch: „Muuutter“. Und schmerzfrei schleppt sie sich auch noch zu Kerner.
Dort ist Gipfeltreffen der Fragmentariker, die zwangsläufig Sendungen liefern wie jene am vergangenen Dienstag. „Du musst sie stellen“, so hat man dem Moderator Kerner wohl vor der Sendung eingebläut. Schließlich ging es um die Quote gegen Maischberger. „Du musst für deinen Auftritt beim ,perfekten Promi Dinner’ werben“, lautete der Kampfauftrag für Margarate Schreinemakers, die gern öfter im Fernsehen wäre. Senta Berger dagegen musste nur Reklame machen für einen ZDF-Krimi, bei dem sie mitspielt. Der Komiker Mario Barth schließlich wollte schon mal auf seinen Auftritt im Berliner Olympiastadion am 12. Juni 2008 hinweisen. Er will seine „Primitiv-aber-Glücklich“-Tournee in Hitlers Arena beenden, am liebsten vor 70 000 Zuschauern.
Bei Kerner geht es um viele Kleinigkeiten, aber um eines garantiert nicht: die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Stattdessen nimmt ein absurdes Theater seinen unseligen Lauf. Das verwirrte Opfer und vier Figuren mit Partikularinteressen verhandeln deutsche Geschichte vor Zuschauern, die Gut-Böse-Muster verlangen, aber gern auch was lernen würden, wenn man sie ließe.
Doch leider haben die Ankläger offenkundig keine Ahnung vom Nationalsozialismus, sondern nur dieses beklommene Gefühl, dass die Eva ziemlich komisch sei. Also stellt man sich lieber gegen sie, egal warum. Unter Zeitdruck ist ja auch gar kein Platz für Nachfragen.
Das Ergebnis ist ein unwürdiges Chaos. Da fahnden Komiker und Botox-Block gefangen in ihren Selbstvermarktungslogiken nach Beweis-Partikeln für Braunes. Alles hüpft. Die Panik wächst, denn das Ende der Show naht. Ein Ergebnis muss her: Entweder widerruft Eva Herman bis zum Abspann, oder sie ist als Nazi überführt. Mediokre Doofheit reicht niemals. „Individualismus“ und „gleichgeschaltet“ auch nicht richtig.
Zum Glück sagt sie gegen Ende doch noch „Autobahn“. Das ist das triviale Signal, auf das sie gewartet haben. Zeit der Empörung. Hitler und Autobahn, da war doch was, das wusste die Runde noch. Pisa ist offenbar nicht nur ein Problem der heutigen Schüler. Hier offenbart sich das Tückische an der banalen Nazi-Fahndung in Zeiten des Fragmentarismus. Es werden keine Fragen beantwortet, sondern nur Schnipsel geworfen, die vor allem Lücken dokumentieren. Weswegen wurde Frau Herman des Studios verwiesen? Ist sie rechtsextrem? Waren die Autobahnen Errungenschaft oder Startbahn für den Krieg? Nichts ist klar. Alles hüpft.
Geholfen hat die TV-Nummer nur den Rechten, die wieder den Gestus der Verfolgten pflegen und mit Eva Herman eine neue Ikone präsentieren können. Selten wurden die Opfer des Nationalsozialismus im TV perfider verhöhnt.
Was die Herman-Schlacht über Deutschland sagt, erklärt Alan Posener hier.




